23.542

Es ist Freitag, der 13. Mit 23.542 Neuinfektionen wird ein neuer Höchststand während der Corona-Pandemie registriert. 12.404 Todesfälle wurden bisher gemeldet. Knapp 3.300 Corona-Patienten sind aktuell in der intensivmedizinischen Betreuung. Noch sind die Auswirkungen des zweiten Lockdowns zumindest in den Zahlen nicht zu spüren.

Tegel: Und tschüss!

Jetzt ist Tegel Geschichte. Nach 60 Jahren regulären Betriebs schliesst dieser Airport – und Berlin verliert nach Tempelhof seinen letzten innerstädtischen Flughafen. Künftig wird die deutsche Hauptstadt einzig und allein über Schönefeld erreichbar sein. Aus THF, TXL und SXF wird nun der BER.

Die letzte reguläre Maschine, die Tegel verlässt, ist ein Eurowings-Airbus A319. Wir sind mit an Bord, als der Flieger – der noch durch die „Tränendusche“ der Flughafenfeuerwehr ging – dann um 23:18 Uhr von der TXL-Startbahn abhebt.

 

Am 8. November ist noch ein Sonderflug einer Air-France-Maschine von Tegel aus geplant, dann wird der Flugbetrieb endgültig eingestellt. Dieser Sonderflug ist eine Referenz an die französische Airline, die am 2. Januar 1960 den ersten Linienflug nach Tegel startete, weil der einzige Westberliner Flughafen Tempelhof zu klein wurde.

Noch ein letztes Mal können wir vom Rollfeld aus auf den markanten Tegel-Tower blicken. Hier fertigt ein Fluglotse den Flug EW5239 ab – und geht, wie wir während des Fluges hören, mit diesem historischen Ereignis nach 31 Jahren in Rente.

 

Entworfen wurde der Flughafen Tegel, der später zur Blaupause zahlreicher Airports weltweit wurde, übrigens von drei jungen Architekten – Meinhard von Gerkan, Volkwin Marg und Klaus Nickels. Und noch ein Novum: Pünktlich wurde der neue Airport nach nur fünfjähriger Bauzeit am 1. November 1974 eröffnet. Und das sogar unterhalb des veranschlagten Budgets.

Ein letztes Mal können die Berliner durch „ihren“ Flughafen gehen, vorbei an leeren Geschäften und für immer geschlossenen Gates. Da kommt schon etwas Wehmut auf. Aber es ist bei weitem nicht so schlimm wie bei der Schließung von Tempelhof. Und auch manch Stimme ist zu hören, die sich nach Jahrzehnten auf stille Nächte ohne Fluglärm freut.

 

Tegel ist ein architektonisches Kleinod gewesen, ein Flughafen mit Stil, Charme und Ideen. Allein das Abfertigungsgebäude in Form eines Hexagon, an dem Flugzeuge über vierzehn Flugsteige direkt andocken konnten, war nicht nur beeindruckend, sondern sicherte über die Zufahrt im Innenring auch einen nicht einmal 20 Meter langen Weg vom Taxi zum Flugsteig.

Nun gehen in Tegel für immer die Lichter am Flughafen aus. Ein letzter Trost: Für die kommenden sechs Monate wird der Airport theoretisch noch offen sein, weil ein funktionierender Ersatz für den BER gebraucht werden könnte. Aber am 4. Mai 2021 ist endgültig Schluss mit dem Konjunktiv.

 

Ja, die Eröffnung von Schönefeld als gemeinsamer Hauptstadtflughafen wurde seit Oktober 2011 schon sieben Mal verschoben. Aber jetzt steht der BER. Und der einst für gerade mal 2,5 Millionen Passagiere jährlich geplante Flughafen Tegel verabschiedet sich.

Danke Tegel – du mein nahes Tor zur weiten Welt. Ich war einer der mehr als 20 Millionen Passagiere pro Jahr, die hier in Berlin ankamen oder abflogen. Mehr als 150 Mal in den vergangenen Jahrzehnten. Mir wirst du sicherlich fehlen.

19.990

Die Corona-Zahlen explodieren. 19.990 Neuinfektionen wurden jetzt an einem Tag gemeldet – so viel, wie noch nie zuvor seit Beginn der Pandemien im Frühjahr. Da nimmt sich Merkels Warnung fast schon harmlos aus, wir könnten bis Dezember die 19.000er-Marke reißen. Das haben wir jetzt schon.

Einzig Hoffnung macht der zugleich gesunkene R-Wert, der angibt, wie viele Menschen von einem Infizierten angesteckt werden. Dieser Wert liegt aktuell bei 0,81. Also scheint sich das Infektionsgeschehen doch aufgrund der drastischen Maßnahmen, die zu Wochenbeginn eingeführt wurden, zu verlangsamen.

Höchste Zeit. In gut drei Wochen beginnt die Adventszeit.

Ankunft BER -Wir können auch Flughafen

Nach 24 Jahren Planung, 14 Jahre nach dem ersten Spatenstich und mit gut acht Jahren Verspätung ist es geschafft: Der BER ist eröffnet. Berlin kann also auch Flughafen. Auch wenn die Kosten explodiert sind und mit 6,5 Milliarden Euro fast drei mal über dem ursprünglichen Budget liegen.

Die erste Maschine, die kurz nach 14:00 Uhr offiziell erstmals auf dem neuen Flughafen BER landet, ist ein EasyJet-Flugzeug. Es kommt direkt aus Tegel. Aber die meisten Flieger der Billig-Airline sind, wie man sieht, schon am neuen, alten Heimat-Airport angekommen. Hier waren sie vor der Corona-Pandemie bereits beheimatet.

 

Eigentlich sollte der BER mit einer Parallel-Landung von EasyJet und Lufthansa eröffnet werden. Doch eine niedrige Wolkendecke verhinderte die gemeinsame Landung auf der Nord- und Südbahn. So kam zuerst der orangene Flieger aus Tegel mit dem „Heimvorteil“ runter.

Wenig später landete auf der gleichen Bahn der Flug LH2020 aus München. Passend dazu hat die Kranich-Airline ihren Airbus A320 Neo „Neubrandenburg“ mit dem Schriftzug Hauptstadtflieger versehen. Danke, LH.

 

Die Eröffnungszeremonie ist diesmal bescheiden. Statt für Juli 2012 geplante Riesenfeier werden beide Maschinen lediglich mit Wasserfontainen der Flughafenfeuerwehr begrüßt. Und dann sagt der Flughafen-Termintator Lütke Daldrup den Satz, der Leipzig in den Ohren klingeln dürfte: „Jetzt hat Ostdeutschland endlich einen richtigen Flughafen.“

Vor fünf Jahren war der BER – wie hier ein Foto von 2014 – noch ein Geisterflughafen. Nun ist der Airport „Willy Brandt“ endlich am Flugnetz. Mit täglich 5.000 Passagieren wird am Anfang gerechnet. Dank Corona ist er also nicht gleich zu klein.

 

Jetzt sind auch die BER-Witze Geschichte. Allerdings ist es in reinigen Tagen auch Tegel – der Flughafen der kurzen Wege. Da heutzutage mehr als 60 Prozent des Umsatzes aus dem Non-Aviation-Bereich stammen, müssen Passagiere am BER erst einmal durch eine riesige Shopping-Mall gehen, um zu ihrem Kerosin-Flieger zu gelangen. So nennen Spötter den neuen BER schon mal gern ein „Museum des fossilen Kapitalismus“. Aber immerhin mit geplant 43 Millionen Besuchern pro Jahr.

Der lustvolle Blick in den Abgrund

Die Alte Nationalgalerie hat einen neuen Anziehungspunkt: den belgischen Symbolismus. Diese Kunstströmung entwickelte sich in den 1880er-Jahren als eine Mischung aus Sinnlichkeit, Magie und tiefgründiger Irrationalität. Eine Ausstellung nicht nur für Kunstinteressierte.

Was den belgischen Symbolismus auszeichnet, ist seine Vorliebe für eine morbide und dekadente Motivik. So heißt das Motto auch „Dekadenz und dunkle Träume“. Als hätten die Künstler schon Freuds Traumdeutung vorweggenommen, die erst 1899 erschien.

 

Kristallisationspunkt des Symbolismus war der Salon für zeitgenössische belgische und internationale Kunst: Les XX.  Zwischen 1883 und 1893 in Brüssel aktiv, schlug er eine Brücke zwischen Ensor, Khnopff, Rysselberghe und Cezanne, Crane, Gauguin, Seurat, van Gogh, Klimt sowie McNeill Whistler. Eine wahrlich exzentrische Mischung, wie in der Ausstellung deutlich wird.

Aber nicht nur die Bilder sind spannend anzusehen, sondern auch so manch Besucher. Einige haben sich passend zum Thema gekleidet – und stehen hier zwischen Totenmahl und Toteninsel von Arnold Böklin. Mit schwarzer Maske.


Bizzar, schräg, verschroben. Das sind Wörter, die einem zuerst beim Besuch der Ausstellung einfallen. 180 Gemälde, Skulpturen, Drucke und Zeichnungen sind zu sehen. Eine beeindruckende Schau aller Facetten des Symbolismus. Ein lustvoller Blick in den Abgrund. 

Das Schwein an der Leine ist auch ein Symbol. Zuerst von Félicien Rops auf die Leinwand gebracht, fand es viele Nachahmer. So wie hier bei Albert Bertrands Werk Pornokrates von 1896.

 

Mache Bilder irritieren. Es ist wohl die Mischung Triebe und Sehnsüchte in einem moralisch aufgeladenen Zeitalter, die aufwühlen. Ein malendes Skelett oder eine Sphinx im Leopardenfell, die sich an einen jungenhaften Körper schmiegt. Dieses Gemälde von Khnopff von 1896 ist zweifellos eines der Highlights.

 

Aber nicht nur die Gemälde sind die Schmuckstücke der Schau, die mit dem Königlichen Belgischen Kunstmuseum entstand. Vielmehr lohnt auch ein Blick auf die Rahmen. Jeder einzelne ist ein Kunstwerk, oft passend zum Inhalt und zuweilen spannender als das Bild.

 

Auf jeden Fall ist die Ausstellung sehenswert. Sie hat noch bis Mitte Januar 2021 geöffnet. Auch wenn sie jetzt erst einmal wegen des zweiten Corona-Lockdowns für vier Wochen schließen muss. Es lohnt sich.

11.287

Das ist die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen mit dem Corona-Virus in Deutschland und ein neuer Rekord seit Beginn der Pandemie im Frühjahr. Gegenüber der Vorwoche hat sich dieser Wert fast verdoppelt. Dabei war vergangenen Freitag mit 6.638 Fällen an einem Tag erstmals der höchste Wert des Frühjahrs übertroffen worden.

Zugleich hat die Zahl der Corona-Toten jetzt auch die Marke von 10.000 übersprungen. 10.018 Todesfälle sind mittlerweile auf Corona zurückzuführen. Zudem hat inzwischen ganz Deutschland den Schwellenwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern gerissen.

Obwohl man sicherlich die gestiegenen Testzahlen anrechnen muss, gilt wohl nunmehr Alarmstufe Dunkelrot.

Berlin, 22:00 Uhr

Die Sperrstunde wirkt. Viele Restaurants in Mitte machen Stunden vor Mitternacht schon dicht. Zuweilen gezwungenermaßen – weil wegen der politisch verordneten Neuregelungen oft einfach die Gäste ausbleiben.

Der letzte Gast bei den ItaloFritzen in der Friedrichstraße, einem Restaurant im Industriedesign und dennoch mit Flair, steht am Abend einsam am Tresen. „Save water, drink beer“, steht da geschrieben. Aber wenn kurz vor der Sperrstunde nur noch zwei Gäste da sind, dann macht der Wirt schon mal vorzeitig Schluss.

 

„Wieder vor die Welle kommen“

Es ist ernst. Mehr als acht Stunden haben am Mittwoch Bund und Länder im Kanzleramt über schärfere Corona-Maßnahmen gestritten. Eigentlich sollten es nur zwei Stunden sein. Aber Deutschland hat mit 5.185 Corona-Neuinfizierten einen neuen Höchstwert seit März erreicht. Mittlerweile wurden 9.692 Corona-Tote registriert.

„Diesen exponentiellen Anstieg müssen wir stoppen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach den Beratungen im Kanzleramt in Berlin. Wichtig sei, wieder „vor die Welle zu kommen“.



Sperrstunde, Einschränkung des Alkoholausschanks und engere Grenzen bei Familienfeiern sind nur einige der von Bund und Ländern beschlossenen Maßnahmen. Merkel nannte die Beschränkungen „sehr hart“, aber ohne sie werde es zu einem unkontrollierten Anstieg von Corona-Fällen kommen. Vor einigen Tagen hatte die Kanzlerin vor einem Anstieg auf über 19.000 Infektionen pro Tag gewarnt.

„Das ist die Bewährungsprobe unserer Generation“, mahnte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Die zweite Welle sei „absolut“ da. Und er warnte: „Wir sind einem zweiten Lockdown näher, als wir es wahrhaben wollen.“

 

Zum ersten Mal seit Monaten hatten sich die Regierungschefs der Länder mit der Kanzlerin in Berlin direkt getroffen. Bayern wollte dabei wie Mecklenburg-Vorpommern das Beherbergungsverbot aufrecht erhalten. Söder, dem Beobachter sogar eine Merkel-Nachfolge zutrauen, zeigte sich da streitbar. Und so gab es zum umstrittenen Beherbergungsverbot auch keine Einigung.

Am 8. November soll nach dem Ende der Herbstferien in Deutschland Bilanz gezogen werden. Eines ist schon jetzt absehbar: Es wird wohl ein heißer Herbst.

Nach 71 Jahren wieder Sperrstunde

Kreuzberger Nächte sind lang – aber nicht mehr lange. Ab heute gilt erstmals seit 1949 wieder eine Sperrstunde in Berlin. Ab 23:00 Uhr müssen alle Restaurants und Bars in der Hauptstadt dicht machen. So will es der Senat, die Wirte fluchen.

Auch im Touristen-Hotspot Mitte müssen eine Stunde vor Mitternacht die Bürgersteige wieder hochgeklappt werden. Öffnungszeiten bis 3:00 Uhr und länger sollen der Vergangenheit angehören. Zumindest so lange wie Mitte ein Corona-Hotspot ist.

 

Bereits im Sommer hatte Berlin schon mal eine Sperrstunde eingeführt, die aber wegen des Lockdowns nicht als solche wahrgenommen wurde. Vielmehr freute sich die einstige Party-Hauptstadt über die bis 23:00 Uhr erweiterten Öffnungszeiten, nachdem das soziale Leben wegen Corona in eine Zwangspause geschickt worden war.

Übrigens wurde die Sperrstunde in Berlin vor gut sieben Jahrzehnten abgeschafft. Dem West-Berliner Gastronomen Heinz Zellermayer wird nachgesagt, dass er im Juni 1949 den US-Stadtkommandanten General Frank Howley mit einer Flasche Whiskey überzeugt habe, die Sperrstunde im Westteil der Stadt abzuschaffen.

Das erste Medien-Schiff der Welt

Der Anspruch ist hoch: Den Journalismus neu erfinden – das will Gabor Steingart mit seinem Medien-Schiff „Pioneer One“. Seit dem Frühjahr kreuzt es im Berliner Regierungsviertel auf der Spree als „schwimmende Bühne für den Journalismus einer neuen Zeit“. Zeitgemäß mit Elektromotor.

Ausgestattet mit mit einem Newsroom, einem Tonstudio, zehn dauerhaft installierten Kamerad sollen alle Digital- und Live-Inhalte auf dem 40 Meter langen und sieben Meter breiten Medienschiff produziert werden. Gesteuert wird die Produktion von broadcastfähigen Audio- und Video-Formaten von einem eigenen Regieraum.

 

Die „Pioneer One“ ist nach eigener Darstellung das „erste Redaktionsschiff der Welt“. Nicht nur unter Deck werden die Inhalte – neudeutsch: Content – produziert. Auch auf Deck können es sich die Journalisten bequem machen. Die Aufmerksamkeit ist ihnen so oder so sicher.

Alle Mitarbeiter werden auf Steingarts hohen Anspruch eingeschworen. „Wir verstehen uns als Patrouillenschiff der Demokratie – unabhängig von Parteien, Lobbygruppen und Werbeindustrie, transparent und meinungsfreudig.“

 

Meinungsfreudig mag stimmen, denn Steingart bläst ein scharfer Medien-Gegenwind ins Gesicht. Aber ob es immer transparent zugeht, sei mal dahingestellt. Denn mancher Sponsor wurde zunächst nicht genannt.

Eines jedenfalls ist klar: Alles geht in Richtung Digitaljournalismus. Selbst das „Morning Briefing“ Steingarts gibt es nur als Podcast. Digital abgegangene Politiker rufen da gern mal: Schiff ahoi!