Weihnachtszauber in Mitte

Er gilt als der schönste Weihnachtsmarkt in Berlin: der Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt. Jährlich zieht er bis zu 800.000 Besucher an.  Es ist auch ein einmaliges Ensemble zwischen Deutschen Dom und Französischen Dom.

Die Buden sind Zelte – mit einem leuchtenden Stern obendrauf. Und der Nepp ist hier Handwerkskunst. So kommt jeder in Weihnachtsstimmung und lässt sich für eine Weile gern verzaubern.

 

Am Fuße des von Schinkel entworfenen Schauspielhauses ist auch eine Bühne aufgebaut, von der nicht nur die typischen Weihnachtslieder erklingen. Ab und zu wird auch die Eismaschine angeworfen, die Schneeflocken in den nächtlichen Himmel zaubert.

Für Stimmung am Boden sorgt der US-amerikanische Sänger und Entertainer Keith Tynes. Er ist in der Welt von Soul, Gospel und Jazz unterwegs. Das lässt er die Zuhörer im besten Sinne des Wortes spüren. Und macht sich den Spaß, auch mal das Publikum zu fotografieren.

 

Aber ein Besuch des Weihnachtsmarktes ohne einen Glühwein – das geht gar nicht. Die Tradition des gewürzten Weines geht zurück bis auf die Römer, die schon vor der Zeitenwende Rezepte für Glühwein aufgeschrieben haben. Die wichtigsten Zutaten sind Zimt, Lorbeer, Sternanis, Koriander und Thymian.

Jedes Jahr wird ein neuer Becher designt. Da diese Becher traditionell gern als Souvenir mitgenommen werden, ist in diesem Jahr der Pfand auf drei Euro hochgesetzt worden.

 

Übrigens: Glühwein ist weinrechtlich ein „aromatisiertes weinhaltiges Getränk“. Das heißt, es darf nur gesüßt und gewürzt werden. Der Zusatz von Alkohol ist verboten. Also Glühwein mit Schuss…

Checkpoint Charlie ohne Nepp

Der Touristennepp am Checkpoint Charlie hat ein Ende: Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg entzog dem Betreiber die Duldung. Bei Zuwiderhandlung müssen die falschen Soldaten jetzt selbst mit Verfolgung rechnen.

Und so steht in diesem Jahr wieder eine Weihnachtstanne an dem historischen Ort zwischen Ost und West – die ganz allein Hunderte von Schaulustigen anlockt. Und für ein Foto müssen sie nicht mehr drei bis fünf Euro berappen.

Ein Gestammel schreibt Geschichte

„Nach meiner Kenntnis gilt… ist das… sofort… unverzüglich.“ Dieser gestammelte Satz von Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz am 9. November 1989 in Ost-Berlin schrieb Weltgeschichte. Wenige Stunden später war die Mauer nach mehr als 28 Jahren offen.

Mit einer großen Fete am Brandenburger Tor begeht Berlin dieses große Ereignis: 30 Jahre Mauerfall. Mittlerweile sind es sogar schon weniger Jahre, dass dieses Bollwerk des Sozialismus Bestand hatte.

 

Schabowski brachte 2009 seine Memoiren unter dem Titel „Wir haben fast alles falsch gemacht“ heraus. Und nach Erscheinen meinte er, schon der Titel sei nicht korrekt. „Ich bin der Meinung, dass wir alles falsch gemacht haben. Weil der Versuch, ein sozialistisches Gesellschaftskonstrukt zu schaffen, von Vornherein zum Scheitern verurteilt ist.“

Derweil laufen 2019 die Vorbereitungen auf Hochtouren. Zahlreiche Sender haben sich schon Abende vorher ihren Platz auf dem Pariser Platz gesichert. Sie wollen offenbar nicht noch einmal ein solches Ereignis verpassen.

 

Vor 30 Jahren hatte außer dem Sender Freies Berlin keiner Live-Bilder. Denn die Deutschen (Ost) konnten es nicht glauben, und die Deutschen (West) sahen derweil das Pokalspiel VfB Stuttgart gegen Bayern München.

Drei Jahrzehnte später wird alles choreografiert. Die TV-Wagen stehen im Osten, die Bühne ist im Westen aufgebaut. Schon Abende vorher herrscht Volksfeststimmung am Brandenburger Tor. Nur ein Mann scheint dem „Wahnsinn“ zu trotzen.

 

Es war 18:54 Uhr, als Schabowski am 9. November 1989 die Worte „unverzüglich, sofort“ sprach. Er hatte schlicht nicht mitbekommen, dass die Meldung bis zum nächsten Tag um 04:00 Uhr Sperrfrist hatte. Was dann kam, ist Geschichte. Im besten Sinne des Wortes.

Adé Spiegelsaal

Die letzte Schwof-Ruine in Berlins Mitte entschwindet. Nur noch ein paar Veranstaltungen in Clärchens Ballhaus, dann wird das kriegsgeschädigte Gebäude wegen Sanierung geschlossen. Und mit ihm auch der alte, weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus bekannte Spiegelsaal.

Auch Sing dela Sing, die wunderschöne Veranstaltung mit dem gemeinsamen Singen, verabschiedet sich. Zur mittlerweile 34. Auflage kamen mehr als 400 Menschen, sangen lauthals und waren zutiefst angetan.

 

Es ist auch eine einmalige Umgebung. Was dieses Kleinod auszeichnet, ist sein original erhaltener Zustand mit den alten Riesenspiegeln, der Stuckdecke und den Reliefs sowie einer schattigen Loge, die über allem thront. Hier sind bisher die Spuren zweier Kriege unübersehbar.

Auch fast 75 Jahre nach Kriegsende tragen die Spiegel, die dieser versteckten Schönheit ihren Namen gaben, ihre Brandnarben. Jahrzehntelang war der Ort in Vergessenheit geraten. Dann erstrahlte er wieder im alten Glanz. Alt im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Wann das Gebäude errichtet wurde, weiß niemand so genau – sämtliche Bauakten gingen in den Kriegswirren verloren. Verbürgt ist nur, dass Heinrich Zille gleich neben der Theke einen Stammplatz hatte, an dem er saß, trank und zeichnete. Und Otto Dix malte das Plakat, das noch heute für die Werbung des Lokals verwendet wird.

Jetzt ist Schluss. Ein letzter Blick auf den Eingang zum Ballhaus, das wohl für Jahre seine Pforten schließt. Und nachher wird nichts mehr so sein wie früher.

 

Nun heißt es, auf die Sanierung warten. Ab 2020 werden Lokal, Aufgänge und eben der historische Spiegelsaal mehr als nur aufgehübscht. Wie, ist offen. Doch eines ist jetzt schon klar: Berlin wird um eine kleine „Attraktion des Morbiden“ ärmer sein.

Zitat des Tages

Leider hat vor allem die politische Rechte sich der Sehnsucht nach einem schützenden Wir bemächtigt. Die aufgeklärte politische Linke steht dem relativ hilflos gegenüber, weil sie nur einen Liberalismus des schlechten Gewissens zu bieten hat.

(Der Soziologe Heinz Bude im Tagesspiegel vom 27. Oktober 2019)

299,14

Das ist die genaue Prozentzahl der Kostensteigerung beim Berliner Flughafenprojekt BER: fast 300 Prozent!

Geplant war die Eröffnung des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg bereits für das Jahr 2010. Hier ein Foto aus dem Jahr 2014, wo es noch Hoffnung auf eine baldige Eröffnung gab. Alles war vorbereitet. Selbst die Hotels an der Airport-City waren empfangsbereit.

 

Die ursprünglichen Kosten für Planung und Bau des Berliner Grossflughafens BER sollten bei 1,983 Milliarden Euro liegen. Nun weist der aktuelle Businessplan für diesen Bereich Kosten von 5,932 Milliarden Euro aus.

Das ist das Dreifache der ursprünglich veranschlagten Summe. Und das mit einer zehnjährigen Verzögerung der Eröffnung. Da stellt sich doch die Frage: Kann Deutschland noch Großprojekte?

Lichter einer Großstadt

Willkommen zum 15. Festival of Lights (FOL). Es ist die weltweit größte Lichtshow, die Berlin im Oktober präsentiert. Zehn Tage lang wird die Stadt in den trüben Abendstunden in ein buntes Lichtermeer getaucht. Und im 30. Jahr des Mauerfalls schöner und größer als je zuvor.

Hauptattraktion ist das Brandenburger Tor. Mit einer beeindruckenden Lichtshow wird hier an den Mauerfall erinnert, der nur Monate später zur Deutschen Einheit führte. Und passend dazu kommen Zitate von Kennedy, Reagan und Schabowski aus den Lautsprechern.

 

Berlin leuchtet. Manch eine Location ist erstmals dabei – so wie die James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel. Sie konnte mit jahrelanger Verspätung erst vor wenigen Wochen eröffnet werden. Aber sie begeistert.

Das Thema der Show hier: Evolution. Also die Entwicklung von den Dinosauriern bis zum heutigen Menschen – mit einen Blick in die lange Geschichte menschlicher Kultur. Bestens gelungen. Auch der Blick in die Schatzkammern der Berliner Museen darf nicht fehlen. Natürlich mit der Nofretete als Gallionsfigur.

 

Ein Anziehungspunkt ist der Bebelplatz genau gegenüber der Humboldt Universität. Alle Gebäude sind hier angestrahlt – von der Staatsoper über die Hedwigs-Kathedrale und dem Hotel de Rome bis hin zur Juristischen Fakultät der HU.

Immer wieder bleibt der Blick des Fotografen an der Juristischen Fakultät mit den fantastischen Farben hängen. Denn die Frage ist doch: Kommt uns da ein Einhorn entgegengesprungen?

 

Mehr als 100 Gebäude werden jede Nacht erleuchtet. Natürlich gehört dazu der Fernsehturm, aber auch Ministerien, Botschaftsgebäude, Bahnhöfe und Kirchen sind dabei. Immer wieder werden sie von Lichtkünstlern spektakulär in Szene gesetzt.

Zu den Kirchen gehört auch der Berliner Dom. Passend zum gerade beendeten bayerischen Oktoberfest erstrahlt er zuweilen auch in Weiß-Blau.

 

Übrigens: Illuminiert werden die Gebäude jeden Abend von 19:00 Uhr bis Mitternacht. Ach ja – 2019 trägt das Festival das Motto „Lights of Freedom“. Auch wenn dies oft nicht wirklich zu sehen ist. Aber immer wieder schön.

50 Jahre Fernsehturm

Happy Birthday, Tele-Spargel.

Heute genau vor 50 Jahren, am 3. Oktober 1969, wurde der Fernsehturm eröffnet. Dass der Riese mit seinen 365 Metern ein paar Tage vor dem 20. Geburtstag der DDR seine Türen aufmachte, lag daran, dass parallel dazu auch der neue Alexanderplatz mit der Weltzeituhr eingeweiht wurde – und ausreichend Zeit für all die festlichen Reden sein sollte.

Übrigens: Der Neptun-Brunnen im Vordergrund stand früher vor dem Berliner Schloss. Und da sollte er auch wieder hin.

Aus der Realität soll ein Traum werden

Beständig ist nur die Veränderung. Das erlebt auch Berlins Mitte, wo an der Friedrichstraße das neue Tacheles-Areal mit 100.000 Quadratmetern Geschossfläche entsteht. Nach zweijährigen Tiefbauarbeiten kann mit einem großen Fest endlich der Grundstein gelegt werden.

Klaus Wowereit, der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, kommt und lobt das Projekt sowie seine Investoren: „Wir brauchen diese Veränderung“, sagt er mit Blick auf die 110-jährige Geschichte dieses Areals. Denn die einstige Aufbruchstimmung in der Hauptstadt sei verflogen.

 

Und es wird etwas Grosses entstehen. Auf 25.000 Quadratmetern wird es zehn Neubauten geben, darunter sieben Wohnhäuser mit 275 Wohnungen, ein Hotel, viel Einzelhandel und Büros. In spätestens dreieinhalb Jahren sollen alle Gebäude stehen, von denen das letzte erst jetzt seine Baugenehmigung erhalten hat.

Auch kommende Generationen sollen sich an die Zeit der Grundsteinlegung erinnern können. So füllen Architekten und Politiker die „Zeitkapsel“ – mit einem Foto „HOW LONG IS NOW“ (Leon Bressler), der heutigen Berliner Zeitung (Klaus Wowereit), dem aktuellen Bebauungsplan (Pierre de Meuron), dem alten Bebauungsplan (Ephraim Gothe), weiteren Visualisierungen von geplanten Gebäuden, etwas Geld und einem Plan des Untergeschosses.

 

Der gut 600 Millionen Euro teure Bau soll bis 2023 fertiggestellt sein. Zunächst aber mussten 280.000 Kubikmeter Sand aus der Grube herausgeholt werden. Das ist eine LKW-Schlange, die von Berlin bis nach München reichen würde. Jetzt entstehen hier Luxuswohnungen, gehobener Einzelhandel und viel, viel Bürofläche.

Kernstück des Areals bleibt das alte Kunsthaus Tacheles, das vom Architekten-Büro Herzog & de Meuron behutsam restauriert werden soll. Wo einst im besetzten Haus über mehr als zwei Jahrzehnte spontan Kunst entstand, soll künftig der Design-Riese Fotografiska sein Domizil aufschlagen. Noch ist das aber nicht entschieden.

 

Klar ist nur, dass die historische Fassade des Tacheles erhalten bleibt. Denn vor genau 110 Jahren eröffnete hier das von Frank Ahrens erbaute Haus als Teil der die Friedrichstrassenpassage. Diese wird in ihrer Grundform wieder aufgenommen – aber mit architektonischen Gebäuden der Neuzeit vollendet. Nicht unbedingt jedermanns Geschmack.

Das Chaos ist aufgebraucht, es war eine schöne Zeit – möchte man sagen. Denn das alte Tacheles wird nie wieder so entstehen, sagt auch der Mitbegründer des Kunsthauses, Jochen Sandig. Er schiebt als letztes noch ein Kartenset mit den UN-Nachhaltigkeitszielen in die Zeitkapsel, die dann per Kran entschwindet.

 

Zum Schluss noch mal der Architekt de Meuron: Grundsätzlich geht es bei der Planung AM TACHELES darum, ein Stück Stadt zu schaffen, welches die menschliche Bezugsgröße und eine gewisse Intimität nicht außer Acht lässt. Um gebaute Struktur, die robust und direkt ist – in ihrer konstruktiven Umsetzung wie auch in der Wahl der Materialien. Und um einen attraktiven und lebendigen Stadtraum, welcher sowohl der Gemeinschaft als auch dem Individuum dient.

Uff. Wir werden es in ein paar Jahren sehen.

Scheitern inklusive: 100 Jahre Bauhaus

Linear ist anders: Vor 100 Jahren wurde das Bauhaus gegründet – und es existierte nur 14 Jahre. Aber sein Einfluss ist bis heute ungebrochen. Zum Jubiläum zeigt die Berlinische Galerie jetzt auf 1.200 Quadratmetern die stürmische Geschichte und rund 1.000 Original-Exponate unter dem Titel „Original Bauhaus“.

Am Eingang der Ausstellung weist die stilisierte 100 auf die Gründung des Hauses hin, das heute als Klassische Moderne gilt. Es führte in bis dahin unbekannter Weise Kunst und Handwerk zusammen.

 

Die Ausstellung vereint 14 Stationen, die für 14 Jahre Existenz in Weimar, Dessau und Berlin stehen. Rund 1.250 Studenten aus 29 Ländern hatten in dieser Zeit das Bauhaus erlebt – und eine schier unüberschaubare Zahl an Studien und Produkten geschaffen. Sie reichen vom Aschenbecher bis zu Stahlrohr-Möbeln, von Butterdosen bis zu ganzen Gebäuden.

Fast fünf Monate werden in der Berlinischen Galerie rund 1.000 Exponate gezeigt – darunter vieles Bekanntes wie Schlemmers Zeichnung der weltberühmten Bauhaus-Treppe. 80 Prozent stammen aus dem Bauhaus-Archiv und 20 Prozent sind Leihgaben. Einiges wird zum ersten Mal ausgestellt.

 

Oskar Schlemmer, von 1919 bis 1929 Meister der einzigartigen Schule, war unbestritten einer der wichtigsten Protagonisten des Bauhauses. „sag mir, wie du feierst und ich sag dir, wer du bist“, sagte er einst. Und dennoch feiert Berlin nun die Design-Schule mit einer „antijubilarische Grundhaltung“.

Nicht jedes Ding musste einen Zweck haben. Bauhaus heißt auch, sich mit Formen und Material zu befassen. Und Grenzen zu überschreiten.

 

Damit die Gedanken frei fließen konnten, begannen die Vorklassen mit dem Spruch: „Alles was was sie kennen, ist verboten.“ Jeder angehende Student hatte zunächst eine einfache Aufgabe zu erfüllen: „Schreiben Sie Ihren Namen rückwärts, in Spiegelschrift und auf dem Kopf.“ Klingt einfach? Einfach mal probieren…

Übrigens: Das größte Bauhaus-Ensemble befindet sich in Israel. In Tel Aviv stehen rund 800 Häuser, die ab den 1930er-Jahren von Architekten entworfen wurden, die vor den Nationalsozialisten fliehen mussten. Jetzt wird diese im Bauhaus-Stil errichtete „Weiße Stadt“ liebevoll restauriert.