Der lustvolle Blick in den Abgrund

Die Alte Nationalgalerie hat einen neuen Anziehungspunkt: den belgischen Symbolismus. Diese Kunstströmung entwickelte sich in den 1880er-Jahren als eine Mischung aus Sinnlichkeit, Magie und tiefgründiger Irrationalität. Eine Ausstellung nicht nur für Kunstinteressierte.

Was den belgischen Symbolismus auszeichnet, ist seine Vorliebe für eine morbide und dekadente Motivik. So heißt das Motto auch „Dekadenz und dunkle Träume“. Als hätten die Künstler schon Freuds Traumdeutung vorweggenommen, die erst 1899 erschien.

 

Kristallisationspunkt des Symbolismus war der Salon für zeitgenössische belgische und internationale Kunst: Les XX.  Zwischen 1883 und 1893 in Brüssel aktiv, schlug er eine Brücke zwischen Ensor, Khnopff, Rysselberghe und Cezanne, Crane, Gauguin, Seurat, van Gogh, Klimt sowie McNeill Whistler. Eine wahrlich exzentrische Mischung, wie in der Ausstellung deutlich wird.

Aber nicht nur die Bilder sind spannend anzusehen, sondern auch so manch Besucher. Einige haben sich passend zum Thema gekleidet – und stehen hier zwischen Totenmahl und Toteninsel von Arnold Böklin. Mit schwarzer Maske.


Bizzar, schräg, verschroben. Das sind Wörter, die einem zuerst beim Besuch der Ausstellung einfallen. 180 Gemälde, Skulpturen, Drucke und Zeichnungen sind zu sehen. Eine beeindruckende Schau aller Facetten des Symbolismus. Ein lustvoller Blick in den Abgrund. 

Das Schwein an der Leine ist auch ein Symbol. Zuerst von Félicien Rops auf die Leinwand gebracht, fand es viele Nachahmer. So wie hier bei Albert Bertrands Werk Pornokrates von 1896.

 

Mache Bilder irritieren. Es ist wohl die Mischung Triebe und Sehnsüchte in einem moralisch aufgeladenen Zeitalter, die aufwühlen. Ein malendes Skelett oder eine Sphinx im Leopardenfell, die sich an einen jungenhaften Körper schmiegt. Dieses Gemälde von Khnopff von 1896 ist zweifellos eines der Highlights.

 

Aber nicht nur die Gemälde sind die Schmuckstücke der Schau, die mit dem Königlichen Belgischen Kunstmuseum entstand. Vielmehr lohnt auch ein Blick auf die Rahmen. Jeder einzelne ist ein Kunstwerk, oft passend zum Inhalt und zuweilen spannender als das Bild.

 

Auf jeden Fall ist die Ausstellung sehenswert. Sie hat noch bis Mitte Januar 2021 geöffnet. Auch wenn sie jetzt erst einmal wegen des zweiten Corona-Lockdowns für vier Wochen schließen muss. Es lohnt sich.

andre
Überzeugter Berliner mit einem ausgeprägtem Hang zum Schreiben über diese Stadt, meinen Kiez und den Erdenkreis. Es muss ja nicht immer Paris, Rom oder Moskau sein. Auch Berlin ist reich an unentdeckten Ecken, ständig in Bewegung und fantastisch anzuschauen. Einfach die schönste Stadt...

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