Ein Kreuz mit dem Kreuz

Eigentlich sollte das Berliner Stadtschloss ja ohne ein Kreuz auskommen. Schließlich ist es kein christlicher Bau, sondern beherbergt künftig Kunstschätze aus aller Herren Länder. Und soll als Begegnungszentrum der Hauptstadt für die Weltoffenheit Berlins stehen. Aber die Schlossbefürworter haben sich durchgesetzt. Nur: Im ersten Anlauf will das Kreuz am Freitag vor Pfingsten nicht.

Seit den Morgenstunden verfolgen die ersten Schaulustigen die Arbeiten. Denn laut Ankündigung sollte die Laterne mit dem goldenen Kreuz schon morgens auf die Schlosskuppel gehievt werden. Sie bildet den krönenden Abschluss der jahrelangen Bauarbeiten. Aber es verzögert sich Stunde um Stunde.

 

Geplant ist, die 12 Meter hohe und 18 Tonnen schwere sogenannte Laterne in zwei Etappen nach oben zu bringen. Aber es wird kurzfristig umgeplant. Jetzt werden beide Teile – die acht Cherubime und das Kreuz auf einem vergoldeten Palmendach – noch am Boden zusammengebracht.

Es ist mittlerweile 16:25 Uhr, als das Dach endlich auf dem Cherubim-Sockel aufgesetzt werden kann. Hunderte Besucher verfolgen die Arbeiten. Aber irgendwie geht es nicht voran. Derweil ziehen dunkle Wolken auf. Und bei Wind kann die tonnenschwere Konstruktion nicht in dem Himmel kommen. Es ist schon ein Kreuz mit dem Kreuz.

 

Geformt und vergoldet wurde das Kreuz übrigens in einer Berliner Werkstatt in Weißensee. Dass es überhaupt wieder im Zentrum der Stadt leuchten kann, ist einer Millionenspende von Versandhaus-Erbin Maren Otto zu verdanken. Zuvor hatte eine anonyme Großspende erst den Bau der Kuppel ermöglicht.

Schön sieht die Laterne ja aus. Zunächst müssen beide Teile aber erst noch verschraubt und verblendet werden. Mittlerweile schlagen die Glocken am benachbarten Berliner Dom. Es ist 18:00 Uhr. Und angesichts des aufgefrischten Windes wird überlegt, erst am Samstag das Werk zu vollenden.

 

Das Kreuz selbst ist vier Meter hoch und wiegt 310 Kilogramm. Lange war darum gestritten worden. Denn das barocke Stadtschloss trug ursprünglich kein Kreuz. Erst Friedrich Wilhelm IV. ließ es 1854 über der damaligen Kapelle errichten – als Ausdruck seines preußisch-monarchischen Herrscherwillens.

Jetzt aber sind die Debatten über eine Rückkehr zum „Staatschristentum“ vorbei. Und das Schloss erhält – passend zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – seine krönende Vollendung. Aber nur die ganz „harten“ Zuschauer können das Spektakel erleben, das von Beifall begleitet um 21:15 Uhr endlich abgeschlossen ist.

 

Problematischer als das Kreuz könnte indes das vom König entworfene Bibelzitat sein, das in goldener Schrift auf blauem Grund dazu auffordert, „dass im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ Das Kreuz steht – und der neue Streit ist eröffnet.

Am Abend lässt der Wind überraschend nach und die Wolken verziehen sich. Und so wird entschieden, die Gunst der Stunde zu nutzen. So wird am Freitag noch wie geplant die jahrelange Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses vollendet und der barocke Stühler-Bau „gekrönt“.

 

Vor dem Schloss steht auf der anderen Spree-Seite das Denkmal von Karl Friedrich Schinkel. Der preußische Stadtbaumeister scheint erfreut, dass das Berliner Zentrum mit seiner überwiegend durch ihn geprägten klassizistischen Architektur nun endlich wieder seine Mitte hat.

andre
Überzeugter Berliner mit einem ausgeprägtem Hang zum Schreiben über diese Stadt, meinen Kiez und den Erdenkreis. Es muss ja nicht immer Paris, Rom oder Moskau sein. Auch Berlin ist reich an unentdeckten Ecken, ständig in Bewegung und fantastisch anzuschauen. Einfach die schönste Stadt...

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