Berlin – Hauptstadt der Agenten

Jetzt ist es offliziell: der Bundesnachrichtendienst BND ist in Berlin angekommen. Rund 3.200 Mitarbeiter des deutschen Auslandsgeheimdienstes haben ihren Platz in dem Neubau an der Chausseestraße gefunden. Berlin darf sich also zu Recht „Hauptstadt der Agenten“ nennen.

Natürlich lassen sich die Medien dieses Ereignis nicht entgehen. Immer den rostigen Monolithen im Hintergrund, der das neue Sinnbild des Nachrichtendienstes sein soll. Dieses schwebende Monstrum aus Corten-Stahl wurde vom Düsseldorfer Künstler Stefan Sous geschaffen. Es soll ein „fremdes, unergründliches Ding“ darstellen und letztlich dafür stehen, das Unbekannte aufzuklären und die eigenen Geheimnisse zu bewahren. Möge es gelingen!

 

Der Wechsel nach Berlin stellt ohne Zweifel eine Zäsur dar. Die bisherige BND-Zentrale in Pullach bei München stand für Kalten Krieg und Abschottung – so hielt sich beispielsweise das Gerücht, hinter den Mauern befinde sich eine psychiatrische Klinik. Die neue Zentrale in Berlins Regierungsviertel dagegen ist bekannt, ist hell und transparent – und hat sogar ein Besucherzentrum. Leider wird dieser Teil wegen notwendiger Sicherheitsumbauten erst 2021 für Normalbesucher geöffnet.

Nun ja, die Bauzeit von elf Jahren war nicht ganz frei von Pannen – von Eindringlingen, die den Rohbau unter Wasser setzten, bis hin zu gestohlenen Bauplänen. Aber es ist auch ein Mammutbau: 135.000 Kubikmeter Beton und 20.000 Tonnen Stahl wurden verbaut, ehe unglaubliche 80.000 Kilometer Kabel verlegt werden konnten. So stieg die Bausumme von geplanten 720 Millionen Euro auf letztlich 1,1 Milliarden Euro an. Aber der Standort Nähe des Kanzleramtes hat was.

 

Die Geschichte des neuen BND-Standortes ist wechselvoll und spricht Bände: Vor über 100 Jahren waren hier Soldaten des preußischen Garde-Füsilier-Regiments (Codename: Maikäfer) untergebracht. Später war es ein Polizeistadion, das im Jahr 1950 durch das Walter-Ulbricht-Stadion ersetzt wurde. Nach der Rekonstruktion wurde es 1973 anlässlich der X. Weltfestspiele der Jugend dann in Stadion der Weltjugend umbenannt. 1992 abgerissen, stand das 10 Hektar große Gelände lange leer und wurde als Golfplatz sowie für Beachvolleyball genutzt.

Architektonisch ist der BND-Neubau kein Meisterwerk. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Das Gesamtkonzept stammt vom namhaften Architekten Jan Kleihus, der mal formulierte: „Ein Bauwerk muss auch ohne Erklärung funktionieren.“ Und das macht der BND-Bau. Mit 5.200 Räumen und Büros auf acht Etagen ist er der zweitgrößte Bürokomplex Berlins nach dem Riesenreich am Flughafen Tempelhof. Egozentrik sieht anders aus.

 

Übrigens: Eingeweiht wurde der BND-Komplex von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Später am Tag bekam die Ex-CDU-Vorsitzende noch die Ehrenbürgerschaft der Stadt Templin verliehen, wo Merkel aufgewachsen ist. Dort ist ein Linker Bürgermeister und ein SPD-Mann (ein alter Schulfreund) sprach die Laudatio. Ein Fall zum Beobachten? Ja, sicher. Aber eher mit großem Respekt.

andre
Überzeugter Berliner mit einem ausgeprägtem Hang zum Schreiben über diese Stadt, meinen Kiez und den Erdenkreis. Es muss ja nicht immer Paris, Rom oder Moskau sein. Auch Berlin ist reich an unentdeckten Ecken, ständig in Bewegung und fantastisch anzuschauen. Einfach die schönste Stadt...

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