Schinkel strahlt wieder

Knapp ein Jahrzehnt war die Friedrichswerdersche Kirche in Berlins Mitte geschlossen. Denn seit den Bauarbeiten in der Nachbarschaft rieselte der Putz, zeigten sich immer größere Risse in dem von Schinkel entworfenen Bauwerk. Für ein paar Stunden öffnete das Museum nun seine Pforten.

Entworfen wurde die Kirche, die von 1824 bis 1830 im neogotischen Stil erbaut wurde, von Karl Friedrich Schinkel. Anlässlich seines 200. Geburtstages wurde das Backsteingebäude von 1979 bis 1986 umfangreich saniert.

 

Schinkel wollte ursprünglich eine große gotische Kirche als Symbol für die Utopie „ein Kaiser gleich ein Land“ errichten. Als in Wien nach der Niederlage Napoleons 1815 die Neuordnung Europas beschlossen wurde, verzichtete er auf die architektonische Formel „Gotik gleich ein geeintes Reich“.

So ist die Aussenfassade gotisch, aber auch klassizistisch und der Innenraum stark in Anlehnung an französische Revolution gestaltet: Kubus, Quadrat, Kreis, Dreieck bestimmte die Architektur- genauso wie Meter und nicht mehr Elle. Ähnlich wie das zeitgleich erbaute Alte Museum, das aus zwei Quadraten besteht mit einer Kuppel im inneren als idealer Kreis.

 

Auf Empfehlung Kronprinz erstellte Schinkel zunächst vier Entwürfe, einer davon mit sechs Türmen. Aber letztendlich war es eine Geldfrage. Genommen wurde der billigste Entwurf mit zwei Türmen. Und gearbeitet wurde nicht mit Sandstein, sondern mit Putz, der so bemalt wurde.

Backstein hält viel aus. Aber der Märkische Sand ist tückisch: so verursachten die Neubauten von Luxusappartements zu beiden Seiten der Kirche massive Schäden, wie dieses Foto aus der kleinen Ausstellung zum ersten Tag der offenen Tür zeigt.

 

Nach ihrer Fertigstellung war die Kirche zunächst als Sakralbau von der deutschen und der französischen Gemeinde genutzt worden. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurde sie 1987 nach umfangreicher Sanierung zu DDR-Zeiten als Schinkelmuseum wiedereröffnet.

Hinter der Kirche ist die markante Fassade des DDR-Außenministeriums zu sehen. Aus dem Schinkelmuseum wurde nach einer neuerlichen Restaurierung von 1997 bis 2000 das Museum für Skulpturen des frühen 19. Jahrhunderts.

 

Im Januar 2020 war die einstige Kirche erstmals wieder seit 2012 zu besichtigen. Ab September soll hier wieder eine Skulpturenausstellung einziehen. Gezeigt werden dann Werke von der Schinkel-Zeit bis zum Kaiserreich, darunter von Johann Gottfried Schadow, Christian Daniel Rauch und Friedrich Tieck.

andre
Gebürtiger und überzeugter Berliner - als Journalist mit einem ausgeprägtem Hang zum Schreiben über diese Stadt, meinen Kiez und den Erdenkreis. Denn es muss ja nicht immer Paris, Rom oder Moskau sein. Auch Berlin ist reich an unentdeckten Ecken, ständig in Bewegung und unheimlich bunt anzuschauen. Kurzum: für mich ist es einfach die schönste Stadt...

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