Aus der Realität soll ein Traum werden

Beständig ist nur die Veränderung. Das erlebt auch Berlins Mitte, wo an der Friedrichstraße das neue Tacheles-Areal mit 100.000 Quadratmetern Geschossfläche entsteht. Nach zweijährigen Tiefbauarbeiten kann mit einem großen Fest endlich der Grundstein gelegt werden.

Klaus Wowereit, der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, kommt und lobt das Projekt sowie seine Investoren: „Wir brauchen diese Veränderung“, sagt er mit Blick auf die 110-jährige Geschichte dieses Areals. Denn die einstige Aufbruchstimmung in der Hauptstadt sei verflogen.

 

Und es wird etwas Grosses entstehen. Auf 25.000 Quadratmetern wird es zehn Neubauten geben, darunter sieben Wohnhäuser mit 275 Wohnungen, ein Hotel, viel Einzelhandel und Büros. In spätestens dreieinhalb Jahren sollen alle Gebäude stehen, von denen das letzte erst jetzt seine Baugenehmigung erhalten hat.

Auch kommende Generationen sollen sich an die Zeit der Grundsteinlegung erinnern können. So füllen Architekten und Politiker die „Zeitkapsel“ – mit einem Foto „HOW LONG IS NOW“ (Leon Bressler), der heutigen Berliner Zeitung (Klaus Wowereit), dem aktuellen Bebauungsplan (Pierre de Meuron), dem alten Bebauungsplan (Ephraim Gothe), weiteren Visualisierungen von geplanten Gebäuden, etwas Geld und einem Plan des Untergeschosses.

 

Der gut 600 Millionen Euro teure Bau soll bis 2023 fertiggestellt sein. Zunächst aber mussten 280.000 Kubikmeter Sand aus der Grube herausgeholt werden. Das ist eine LKW-Schlange, die von Berlin bis nach München reichen würde. Jetzt entstehen hier Luxuswohnungen, gehobener Einzelhandel und viel, viel Bürofläche.

Kernstück des Areals bleibt das alte Kunsthaus Tacheles, das vom Architekten-Büro Herzog & de Meuron behutsam restauriert werden soll. Wo einst im besetzten Haus über mehr als zwei Jahrzehnte spontan Kunst entstand, soll künftig der Design-Riese Fotografiska sein Domizil aufschlagen. Noch ist das aber nicht entschieden.

 

Klar ist nur, dass die historische Fassade des Tacheles erhalten bleibt. Denn vor genau 110 Jahren eröffnete hier das von Frank Ahrens erbaute Haus als Teil der die Friedrichstrassenpassage. Diese wird in ihrer Grundform wieder aufgenommen – aber mit architektonischen Gebäuden der Neuzeit vollendet. Nicht unbedingt jedermanns Geschmack.

Das Chaos ist aufgebraucht, es war eine schöne Zeit – möchte man sagen. Denn das alte Tacheles wird nie wieder so entstehen, sagt auch der Mitbegründer des Kunsthauses, Jochen Sandig. Er schiebt als letztes noch ein Kartenset mit den UN-Nachhaltigkeitszielen in die Zeitkapsel, die dann per Kran entschwindet.

 

Zum Schluss noch mal der Architekt de Meuron: Grundsätzlich geht es bei der Planung AM TACHELES darum, ein Stück Stadt zu schaffen, welches die menschliche Bezugsgröße und eine gewisse Intimität nicht außer Acht lässt. Um gebaute Struktur, die robust und direkt ist – in ihrer konstruktiven Umsetzung wie auch in der Wahl der Materialien. Und um einen attraktiven und lebendigen Stadtraum, welcher sowohl der Gemeinschaft als auch dem Individuum dient.

Uff. Wir werden es in ein paar Jahren sehen.

andre
Gebürtiger und überzeugter Berliner - als Journalist mit einem ausgeprägtem Hang zum Schreiben über diese Stadt, meinen Kiez und den Erdenkreis. Denn es muss ja nicht immer Paris, Rom oder Moskau sein. Auch Berlin ist reich an unentdeckten Ecken, ständig in Bewegung und unheimlich bunt anzuschauen. Kurzum: für mich ist es einfach die schönste Stadt...

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