Zitat des Tages

Wir dimmen die für die Arbeit notwendige Intelligenz immer weiter runter, bis sie auf dem Niveau der heute verfügbaren künstlichen Intelligenz angekommen ist.

(Gunter Dueck, Mathematik-Professor und Digitalisierungsexperte)

Ein Kreuz mit dem Kreuz

Eigentlich sollte das Berliner Stadtschloss ja ohne ein Kreuz auskommen. Schließlich ist es kein christlicher Bau, sondern beherbergt künftig Kunstschätze aus aller Herren Länder. Und soll als Begegnungszentrum der Hauptstadt für die Weltoffenheit Berlins stehen. Aber die Schlossbefürworter haben sich durchgesetzt. Nur: Im ersten Anlauf will das Kreuz am Freitag vor Pfingsten nicht.

Seit den Morgenstunden verfolgen die ersten Schaulustigen die Arbeiten. Denn laut Ankündigung sollte die Laterne mit dem goldenen Kreuz schon morgens auf die Schlosskuppel gehievt werden. Sie bildet den krönenden Abschluss der jahrelangen Bauarbeiten. Aber es verzögert sich Stunde um Stunde.

 

Geplant ist, die 12 Meter hohe und 18 Tonnen schwere sogenannte Laterne in zwei Etappen nach oben zu bringen. Aber es wird kurzfristig umgeplant. Jetzt werden beide Teile – die acht Cherubime und das Kreuz auf einem vergoldeten Palmendach – noch am Boden zusammengebracht.

Es ist mittlerweile 16:25 Uhr, als das Dach endlich auf dem Cherubim-Sockel aufgesetzt werden kann. Hunderte Besucher verfolgen die Arbeiten. Aber irgendwie geht es nicht voran. Derweil ziehen dunkle Wolken auf. Und bei Wind kann die tonnenschwere Konstruktion nicht in dem Himmel kommen. Es ist schon ein Kreuz mit dem Kreuz.

 

Geformt und vergoldet wurde das Kreuz übrigens in einer Berliner Werkstatt in Weißensee. Dass es überhaupt wieder im Zentrum der Stadt leuchten kann, ist einer Millionenspende von Versandhaus-Erbin Maren Otto zu verdanken. Zuvor hatte eine anonyme Großspende erst den Bau der Kuppel ermöglicht.

Schön sieht die Laterne ja aus. Zunächst müssen beide Teile aber erst noch verschraubt und verblendet werden. Mittlerweile schlagen die Glocken am benachbarten Berliner Dom. Es ist 18:00 Uhr. Und angesichts des aufgefrischten Windes wird überlegt, erst am Samstag das Werk zu vollenden.

 

Das Kreuz selbst ist vier Meter hoch und wiegt 310 Kilogramm. Lange war darum gestritten worden. Denn das barocke Stadtschloss trug ursprünglich kein Kreuz. Erst Friedrich Wilhelm IV. ließ es 1854 über der damaligen Kapelle errichten – als Ausdruck seines preußisch-monarchischen Herrscherwillens.

Jetzt aber sind die Debatten über eine Rückkehr zum „Staatschristentum“ vorbei. Und das Schloss erhält – passend zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – seine krönende Vollendung. Aber nur die ganz „harten“ Zuschauer können das Spektakel erleben, das von Beifall begleitet um 21:15 Uhr endlich abgeschlossen ist.

 

Problematischer als das Kreuz könnte indes das vom König entworfene Bibelzitat sein, das in goldener Schrift auf blauem Grund dazu auffordert, „dass im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ Das Kreuz steht – und der neue Streit ist eröffnet.

Am Abend lässt der Wind überraschend nach und die Wolken verziehen sich. Und so wird entschieden, die Gunst der Stunde zu nutzen. So wird am Freitag noch wie geplant die jahrelange Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses vollendet und der barocke Stühler-Bau „gekrönt“.

 

Vor dem Schloss steht auf der anderen Spree-Seite das Denkmal von Karl Friedrich Schinkel. Der preußische Stadtbaumeister scheint erfreut, dass das Berliner Zentrum mit seiner überwiegend durch ihn geprägten klassizistischen Architektur nun endlich wieder seine Mitte hat.

Einheit mit Wippe

Im 30. Jahr der Deutschen Einheit ist es soweit: ein Einheitsdenkmal wird gebaut. Heute erfolgte der Spatenstich. Direkt am neuen Berliner Stadtschloss soll für 17 Millionen Euro die neue „Einheitswippe“ entstehen.

Geplant ist an der Westseite des Schlosses eine riesige, begehbare Wippe, die an Mauerfall 1989 und die Wiedervereinigung 1990 erinnern soll. Erbaut wird sie auf dem Fundament des früheren Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals.

 

Der Entwurf für das Denkmal „Bürger in Bewegung“ stammt von der Stuttgarter Agentur Milla & Partner. „Wie bei der friedlichen Revolution von 1989 müssen sich Besucher verständigen und zu gemeinsamem Handeln entschließen, um etwas zu bewegen: Wenn sich auf einer Schalenhälfte mindestens 20 Personen mehr zusammenfinden als auf der anderen, beginnt sich die Schale langsam und sanft zu neigen. Neue Perspektiven öffnen sich.“

Die Schale misst 50 mal 18 Meter, ist an ihrer dicksten Stelle 2,50 Meter und verjüngt sich zum Rand bis auf wenige Zentimeter. Die begehbare Fläche ist etwa 700 Quadratmeter groß und hat ein Fassungsvermögen von etwa 1.400 Personen.

 

Ursprünglich sollte das Denkmal bereits im November 2019 zum 30. Jahrestag des Mauerfalls eröffnet werden. Jahrelang hatten aber brütende Vögel und ein Finanzstreit den Baubeginn verhindert.

Jetzt wird mit einer Eröffnung Ende 2021 gerechnet. Doch Berlin kann auch langsamer.

8. Mai: Ein Tag der Befreiung

Es ist der 75. Jahrestag des Kriegsendes – und zum ersten Mal begeht Berlin den 8. Mai als einen Feiertag. Der Tag, an dem die Wehrmacht in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation erklärte. Auch in diesem Jahr werden am „Tag der Befreiung“ trotz Corona tausende rote Nelken am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow niedergelegt.

Herzstück des neun Hektar großen Ehrenmals ist die 30 Meter hohe Statue des Sowjetsoldaten mit einem Kind im Arm, ein Schwert in der anderen Hand und den gestiefelten Fuß auf ein zerschmettertes Hakenkreuz gesetzt. In der Krypta unter der Statue ist ein Rundmosaik zu sehen, dessen vergoldetes Wort „Slawa“ (Ruhm) mit jedem Sonnenstrahl hell erleuchtet.

 

Das Ehrenmal in Treptow ist das größte seiner Art in Deutschland. Es ist zugleich ein Friedhof, auf dem rund sowjetische 7.000 Soldaten beerdigt wurden, die bei der Erstürmung Berlins ihr Leben ließen. Ihnen gebührt ewiger Ruhm, wie die Gedenktafeln auf dem Gelände nahe der Spree verkünden.

Über 55 Treppen können die Besucher von der Statue zu den fünf Grabfeldern hinabsteigen, die jeweils mit einem riesigen Kranz versehen sind. Diese Felder haben nur einen symbolischen Wert: die Soldatengräber selbst sind an den Seiten des Ehrenmales untergebracht. Auch in diesem Jahr kommen Nachfahren, um gemeinsam auf den Bänken davor ihrer Väter und Großväter zu gedenken.

 

Bereits kurz nach Kriegsende hatte die Sowjetische Militäradministration einen Wettbewerb für das Denkmal ausgelobt. Hauptbedingung: Es sollte kein Siegesmal werden, sondern ein Ehrenmal für die Gefallenen, die zur Zerschlagung des Nationalsozialismus beigetragen haben. 33 Vorschläge gingen dazu ein.

Durch eine Allee mit Trauerbirken gelangt der Besucher zunächst zu den riesigen Statuen zweier trauernder Sowjetsoldaten, die vor steinernen Fahnen aus rotem Marmor knien. Es heißt, dass ein Teil dieses Marmors aus der Reichskanzlei stammen soll, wo einst Hitler seinen Sitz hatte.

 

Aus den Bewerbungen wurde der Entwurf eines „Schöpferkollektives“ unter der Leitung des Architekten Jakow S. Belopolski, des Bildhauers Jewgeni W. Wutschetitsch, des Malers Alexander A. Gorpenko und der Ingenieurin Sarra S. Walerius ausgewählt. 1947 begannen die Bauarbeiten. Am 8. Mai 1949 wurde das Sowjetische Ehrenmal dann eingeweiht.

Jeweils acht große steinerne Sarkophage stehen an beiden Seiten des Ehrenhofes. Sie symbolisieren die damals 16 Sowjetrepubliken. Und jeder von ihnen ist mit einem Zitat Stalins versehen, der für den heroischen Sieg historische Vorbilder und das große Banner Lenins beschwört.

 

Genau genommen ist der 9. Mai der Tag des  Kriegsendes. Denn die Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde wurde erst in der Nacht um 00:43 Uhr beendet. Aber da in Moskau ohnehin schon der nächste Tag angebrochen war, begeht Russland bis heute die offiziellen Feierlichkeiten einen Tag später.

DEFA meets Bauhaus

Es gibt genau 1.732 Kinos in Deutschland. Und eines der bekanntesten ist ohne Zweifel das Kino „International“ in Berlin-Mitte. Rund 600 Plätze gab es hier. Der berühmteste war Reihe acht, Platz 15. Dieser Sitz ganz in der Mitte war zu DDR-Zeiten immer für Staatschef Erich Honecker reserviert. Aktuell sind es übrigens 551 Sitze.

Zu Corona-Zeiten im Jahr 2020 muss auch das „International“ an der Karl-Marx-Allee schließen. Das Plakat erinnert an die letzte Aufführung am 14. März. Im Nachmittagsprogramm wurden noch die Känguru-Chroniken gezeigt.


In diesem Jahr begeht das Kino generell seinen 125. Geburtstag. Das „International“ ist deutlich jünger. Das einstige DEFA-Premierenhaus wurde erst 1961-1963 erbaut. Legendär ist das bis heute sehr gut erhaltene Interieur aus den 1960er-Jahren. Man sieht: Bauhaus meets DEFA.

Ein Anziehungspunkt ist die Panoramabar – nicht nur zur Berlinale. Hier hat man einen wunderbaren Blick auf die einstige DDR-Prachtstraße. Und kann Abends – übrigens auch ohne Kinokarten – ein Glas Wein genießen. In typischen DDR-Sesseln in niedrigen Couchtischen.

 

Heute steht das von Architekt Josef Kaiser geschaffene, luftige Gebäude unter Denkmalschutz. Der Kino-Saal hatte er in der ersten Etage untergebracht, um so im Erdgeschoss Platz für einen Jugendklub und eine Stadtteil-Bibliothek mit großem Kinderbereich zu schaffen. Es war für die Kleinen eine Märchenwelt.

Der Kino-Saal selbst hat trotz Modernisierung seinen Stil und Charme der 60er behalten. Wenn sich nach den drei Gongs der glitzernde Premierenvorhang öffnet, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Durch die Breite des Saales können hier sowohl herkömmliche Filme in 35 Millimeter als auch 70-Millimeter-Streifen gezeigt werden.

 

Tagsüber ein weißer, fast schwebender Kubus, erstrahlt das Haus nachts mit seinen mächtigen Lüstern weit auf die Straße hinaus, die bis November 1961 noch Stalin-Allee hiess. Es waren Umbruchzeiten. Und so schrieb der Architekt Kaiser 1963: „Die architektonischer Gestaltung von Filmtheatern soll heute darauf gerichtet sein, einen Ort festlicher Zusammenkunft für eine erlebnisreiche Gemeinschaft zu schaffen.“ Das ist gelungen. Über die Zeiten hinweg.

Stürmische Zeiten

Der Berliner Fernsehturm ist das höchste Bauwerk der Stadt – und mit 368 Metern sogar das höchste Bauwerk Deutschlands. Auch in stürmischen Zeiten ist der Turm, der wegen der Coronapandemie derzeit geschlossen ist, immer ein Foto wert. Und wenn er wieder aufmacht, dann heißt es ab in die Bar 203 – die auf 203 Metern höchstgelegene in unserem Land.

Die Schloss-Kuppel ist geschafft

Kupfern glänzt es in Berlins Mitte: Die Schloss-Kuppel hat ihr neues Kleid erhalten und erstrahlt im blauen Himmel, der sich seit Tagen über Berlin wölbt. Es zeigt, dass der Wiederaufbau des alten Stadtschlosses bald fertig ist. Es fehlt nur noch die sogenannte Laterne, die später bis zu 65 Meter über dem Platz thronen wird.

Die Halterung für die rund 16 Tonnen schwere Laterne ist vorbereitet. Sie wird die Krönung des Schlosses am Lustgarten sein. Die Laterne besteht aus acht Engeln, die jeweils 2,30 Meter hoch sind und auf einem Gesims stehen. Über ihnen wird es nur noch die Palmettenkuppel zusammen mit einem Kreuz geben.

 

Mit 70 Metern war das Stadtschloss lange Zeit das höchste weltliche Bauwerk Berlins. Nur Kirchtürme überragten den Hohenzollern-Bau. Als das Rote Rathaus erbaut wurde, überragte dessen Turm das Schloss jedoch deutlich. Kaiser Wilhelm I. antwortete auf diesen bürgerlichen Affront mit dem Befehl, dass der neue Reichstag zwei Meter niedriger sein müsse. Und er dürfe nicht innerhalb der alten Stadtmauern erbaut werden.

Am 8. April 2020 standen dicke, schwarze Rauchschwaden über dem Schloss: zwei Gussaspahltbehälter waren in Brand geraten und ließen eine Gasflasche explodieren. Innerhalb von 20 Minuten konnte aber der Brand gelöscht werden. Außer dem Ruß gab es keine Schäden am Schloss.

 

Es ist noch einmal gut gegangen. Offenbar wird der Bau gut von den zahlreichen steinernen Adlern bewacht. An zahlreichen Stellen in  der Attika ist das Wappentier Preußens zu sehen – mit Flügelspannweiten  zwischen 1,80 und 2,70 Metern. Getreu dem preußischen Motto „NEC SOLI CREDIT“ – „Nicht einmal der Sonne weicht er“. Und Asphalt schon gar nicht.

Tag der Entscheidung

Seit mehr als einem Monat erlebt Deutschland jetzt schon den Shutdown. Alles steht still. Aber die Zahlen scheinen diesen drastischen Einschränkungen recht zu geben: die Infektionsgeschwindigkeit mit dem Corona-Virus hat sich deutlich verlangsamt. So kommt heute Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder zusammen, um über erste Lockerungsmaßnahmen zu reden. Natürlich nicht direkt, sondern nur per Video-Schalte.

Normalerweise stehen die Kameras bei solchen Anlässen dicht gedrängt vor dem Kanzleramt. Aber in Corona-Zeiten ist alles etwas anders. Abstand ist angesagt, das gilt selbst für große Nachrichtensendern. Doch zumindest ein Live-Auflager muss drin sein.

 

Nach den Osterferien sollte es neue Entscheidungen geben. Ostern ist nun vorbei. Und da stellen sich die Fragen: Bleibt die Kontaktsperre? Ab wann dürfen Kinder wieder in die Schule? Und wann werden Restaurants und kleine Läden wieder öffnen? NRW-Ministerpräsident Armin Laschet fordert seit Tagen, dass es erste Erleichterungen geben muss. Andere Politiker steigen ein. Später wird die Kanzlerin hier von „Öffnungsdiskussionsorgien“ sprechen.

64.300

Es ist eine Zahl, die Mut macht: 64.300. So viele Menschen haben in Deutschland die neue Lungenkrankheit Covid-19 überstanden. Damit sind seit dem Ausbruch des Coronavirus erstmals mehr Menschen genesen als insgesamt infiziert waren. Diese Zahl wird am Ostermontag mit 128.357 angegeben. Bisher gab es 3.055 Corona-Tote.

In Berlin sieht es ähnlich aus: Auf 4.667 bestätigte Corona-Fälle kommen 2.778 Genesene. 56 Menschen sind an der Krankheit gestorben.

Nur schneller, höher, weiter – Das war ein Irrtum

Nach Bundeskanzlerin Angela Merkel geht nun auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier außerhalb der Reihe vor die Kamera. In seiner fast neunminütigen Fernsehansprache betont er: „Die Welt wird eine andere sein.“ Wenn die Corona-Pandemie vorbei ist, wenn. Nur einen Zeitpunkt für die Lockerung nennt auch Steinmeier nicht.

Normalerweise richtet sich der Bundespräsident nur einmal im Jahr mit einer Ansprache zu Weihnachten an die Menschen im Land. Steinmeiers Fernsehansprache zur Corona-Pandemie war dessen erste außerhalb der Reihe in dieser Form. Er betont, dass viele gedacht haben, es könne nur schneller, höher, weiter gehen. „Das war ein Irrtum.“

 

Seit Wochen ruht das Leben in Deutschland. Die Schulen sind zu, die Universitäten auch. Die Restaurants und Geschäfte sind geschlossen. Und die Industrie hat ihre Produktion heruntergefahren. Lediglich die sogenannten lebenswichtigen Bereiche werden ausgeklammert – von der medizinischen Versorgung bis zum Lebensmittel-Einzelhandel. Wer kann, der bleibt zu Hause.

Interessant ist, dass in Deutschland auch Baumärkte zu den „lebenswichtigen Bereichen“ gehören. Hier bilden sich regelmäßig lange Schlangen mit mehr als 100 Menschen. Egal wo in Berlin, egal bei welchem Baumarkt.

 

Noch sei die Gefahr nicht gebannt, beschwört der Bundespräsident die Menschen. Noch heiße es, Abstand halten. Und er will ihnen zugleich Mut machen: Durch die Einhaltung der radikalen Einschnitte habe jeder Menschenleben gerettet „und rettet täglich mehr“. Aber wie lange kann das eine Volkswirtschaft durchhalten?