Ein Kosmos im Kleinen

Berlin schreibt den 12. Dezember 1827. Es ist die erste Vorlesung des Universalgelehrten Alexander von Humboldt. In der Sing-Akademie – dem heutigen Maxim-Gorki-Theater – will der große deutsche Kosmopolit seine Sicht des Universums auch den einfachen Menschen nahebringen. Fast 1.000 Menschen wollen ihn hören.

Gut 200 Jahre später ist es ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der die Laudatio bei der Auftaktveranstaltung zu den neu aufgelegten Kosmos-Vorlesungen hält. Und dabei an Humboldts Geist erinnert, dass ein Gelehrter nicht nur das wissenschaftliche Publikum überzeugen sollte, sondern mit einfachen, klaren Worten komplexe Sachverhalte jedermann verständlich erläutern müsse. Daran, so das deutsche Staatsoberhaupt, sollten wir uns heute ein Beispiel nehmen. 

 

Als Aristokrat, der Humboldt nun einmal war, gelang es ihm dennoch, gesellschaftliche Schranken zu überwinden und immer wieder über den Tellerrand zu schauen. Was kaum jemand weiß: Alexander von Humboldt hatte in seiner Jugend den Revolutionär Simón Bolívar zum Freund und feierte seinen 60. Geburtstag mit dem Großvater von Lenin. Seiner Weltläufigkeit hat das keinen Abbruch getan.

Insgesamt zehn neue Kosmos-Vorlesungen hat die Humboldt-Universität zu Ehren ihres großen Namensgebers geplant. Den Auftakt bestreitet der renommierte Klimaforscher Paolo Artaxo aus Brasilien. Sein Credo: Der Klimawandel hat bereits eingesetzt. Die Wissenschaftler, so sagt er eindringlich, hätten ihre Hausaufgaben gemacht. Alle Daten lägen vor. Jetzt sei die Politik am Zuge.

 

Eine Stunde lang spricht der Klimaforscher von der Universität Sao Paulo. Und die Zahlen lassen einen frösteln: 62 Prozent mehr CO2 wurde seit 1990 in die Atmosphäre gepustet – damit hat sich die Konzentration des Treibhausgases in ein paar Jahren mehr als verdoppelt. Bereits 1912 hatte der schwedische Physiker Svante Arrhenius gewarnt, dass bei einer solchen Entwicklung ein sogenannter Glass-Bowl-Effekt eintritt und die Temperatur auf der Erde um fünf Grad ansteigen werde. Und dann?

Artaxo zeigt die Auswirkungen, wenn wir nichts tun: Eine Erderwärmung von 1,5 Grad ist die Beschreibung einer Durchschnittstemperatur. Doch der Durchschnitt sieht regional sehr unterschiedlich aus: In Europa verschwinden die Niederlande, Brandenburg wird ein Küstenland. Und Dänemark lockt als Unterwasser-Paradies.

 

Für die meisten der 400 geladenen Gäste im Gorki-Theater sind es letztlich nur Zahlen, die der Klimaforscher präsentiert. Die Wälder weltweit, so sagt er, nähmen 32 Prozent des gesamten CO2 auf. Umgerechnet heiße das, dass im Amazonas 120 Milliarden Tonnen CO2 gebunden sind. Was passiert, wenn diese Menge durch weitere Abholzung schrittweise freigesetzt wird?

Humboldts Vorträge, die er frei hielt, standen eigentlich unter dem Titel „Physische Erdbeschreibung, mit Prolegomenen über Lage, Gestalt und Naturbeschaffenheit der Gestirne“. Doch das war zu sperrig. Schon bald bekamen sie das Kürzel Kosmos-Vorlesungen. Sie waren für jeden verständlich und wurden ein gesellschaftliches Muss im alten Berlin. Daran will die Humboldt-Uni zwei Jahrhunderte später anknüpfen.

 

Steinmeier nimmt die Humboldt-Vorlage rhetorisch auf. Er erinnert nicht nur an die Lateinamerika-Reisen des großen Gelehrten, sondern beschreibt auch die Eselsbrücke, wie man sich den Standort der beiden Humboldt-Denkmäler vor der Berliner Universität gut merken kann: links Wilhelm in Richtung Wilhelmstraße und rechts Alexander in Richtung Alexanderplatz. Aus der Richtung, wo die Sonne aufgeht. Danke für die Erleuchtung.

andre
Gebürtiger und überzeugter Berliner - als Journalist mit einem ausgeprägtem Hang zum Schreiben über diese Stadt, meinen Kiez und den Erdenkreis. Denn es muss ja nicht immer Paris, Rom oder Moskau sein. Auch Berlin ist reich an unentdeckten Ecken, ständig in Bewegung und unheimlich bunt anzuschauen. Kurzum: für mich ist es einfach die schönste Stadt...

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